Online-Kiosk Blendle: der Qualitätsunterschied zwischen Print & Online ist real!

Geschrieben am 25. Sep, 2015 von in Kolumne - Out of Order !

Blendle

Foto: Blendle

Seit einigen Wochen nutze ich den Online-Kiosk Blendle, nach der Beta-Phase ist der Dienst vergangene Woche offiziell in Deutschland gestartet. Blendle will dem Online-Journalismus entgegen der Umsonst-Kultur endlich ein digital funktionierendes, rentables Geschäftsmodell verpassen, genau wie iTunes damals der MP3 wieder einen Wert gab. Erstes Fazit: Blende macht Spaß, sehr sogar. Und vor allem zeigt es auf, was die Klickjagd des Gratis-Online-Journalismus mit dem journalistischen Kernmedium Sprache angerichtet hat.

Artikel kaufen – mit Geld-zurück-Garantie

An dieser Stelle sei noch einmal kurz erklärt, was Blendle eigentlich ist und kann: Blendle versteht sich als digitaler Kiosk, der journalistische Erzeugnisse nicht nur in großen Portionen, sprich ganzen Ausgaben, anbietet, sondern der den Kauf einzelner Artikel ermöglicht. Das Angebot umfasst jetzt schon mehr als 20 unterschiedliche Magazine und Zeitungen und wird sich in naher Zukunft enorm vergrößern, glaubt den „Coming Soon“-Vorschaubildern im Angebot. Man kann durch Magazine und Zeitungen blättern, Artikel anhand einer Schlagwortsuche auffinden, Alerts zu Schlagworten einrichten und Empfehlungen auf Basis zuvor definierter Themen bekommen. Vor dem Kauf des Artikels kann man bereits die Headline und den Fettvorspann einsehen, ein Klick auf den Artikel führt umgehend zum Kauf, der entsprechende Betrag wird direkt vom Guthabenkonto abgezogen. Der Preis für einen Artikel liegt meist zwischen 20 und 90 Cent. Schließt man den Artikel umgehend wieder, stellt Blendle fest, dass er gar nicht gelesen wurde, der Betrag ist sofort wieder zurück auf dem Guthabenkonto. Ist man mit einem Artikel nach dem Lesen nicht zufrieden, kann man ebenfalls sein Geld zurückverlangen. So weit, so gut. Meinen ausführlichen Testbericht findet ihr im DAILY BREAD MAG. Dort habe ich auch erklärt, warum ich keine Zeitungen auf Papier abonniert habe, kaum welche kaufe und auch kein e-Paper beziehe.

Sprache kann so schön sein

blendle_ansicht

So sieht die Artikelübersicht bei Blendle aus.

Ich nutze Blendle nun schon mehrere Wochen. Nicht für den schnellen Schuss News, die beziehe ich weiterhin über die regulären Seiten der Nachrichtenmedien. Aber längere Artikel, Features, Reportagen, Dossiers, lese ich mittlerweile vor allem beim holländischen Startup. Dabei ist mir aufgefallen:

Ja wirklich! Das lässt sich schwer empirisch nachweisen, aber es ist (mehr als) ein Gefühl, dass mich als Journalist und Heavy-User von Nachrichtenseiten beschleicht – jetzt, wo ich nach quasi ewiger Print-Abstinenz wieder Artikel lese, die für den Druck vorgesehen sind. Nun liegt das Argument der Budget-Frage auf der Hand. Im Print-Bereich werden immer noch deutlich höhere Werbe-Umsätze generiert, die Budgets für Recherchen und Artikel liegen dementsprechend auch höher. Aber gut recherchierte Artikel abseits des alltäglichen Nachrichtenstroms finde ich auch im Internet, das ist nicht der Knackpunkt. Dass das Lesen von Artikeln bei Blendle mehr Spaß zu machen scheint, hat meines Empfindens nach vor allem sprachliche Gründe: schönere Headlines, schönere Zwischenüberschriften, schönere Schreibe insgesamt!

Im Internet ist die Aufmerksamke… Oh ein Katzenvideo!

buzzfeed Wer fürs Internet schreibt, muss bestimmte Dinge beachten. Entscheidende Keywords müssen schon in der Headline fallen, kryptische Teaser sind Mist. Achja: Umschreibe das Keyword nicht, benutze es mindestens so und so oft. Selbst wenn man nicht gezwungen ist, darauf zu achten: Online-Schreiberlinge haben diese Dinge mittlerweile verinnerlicht. Alles zwecks SEO, alles für eine bessere Auffindbarkeit durch Suchmaschinen. Nun sind Suchmaschinen als entscheidender Zugang zu Nachrichten in den letzten Jahren in den Hintergrund gerückt. Mittlerweile stehen die sozialen Netzwerke an erster Stelle der Nutzerquellen – was zu einem weiteren sprachlichen Krebsgeschwür in Sachen Headlining geführt hat: Clickbaiting, ein sprachlicher wie inhaltlicher Alptraum, der mit den simpelsten Reizen der menschlichen Psyche spielt. Beispiel gefällig?

Er war quasi tot, doch was dann passierte, war unglaublich!

Noch eins?

Diese 20 Songs wirst du lieben, wenn du ein Kind der 90er bist!

Dieser Headline-Stil wurde maßgeblich von buzzfeed.com geprägt, um die Nutzer in den sozialen Netzwerken auf eigene Artikel zu locken – die bei dieser Art Überschriften natürlich fast immer enttäuschen. Das Magazin t3n hat sich an dieser Stelle etwas ausführlicher mit Clickbaiting beschäftigt. Es geht darum, um jeden Preis maximale Aufmerksamkeit im Rausch des Newsfeeds zu erzeugen. Printerzeugnisse (abseits von BILD und Klatsch) müssen diese Aufmerksamkeit weniger krampfhaft erzeugen, am ehesten noch auf der Titelseite, denn die ist in der Auslage zu sehen. Aber letztendlich hat der Leser die Zeitung bereits gekauft, wenn er die Headline liest – es ist der Inhalt, der über zukünftige Käufe entscheidet. SEO-Aspekte sind zudem komplett irrelevant. Unter diesen Voraussetzungen kann anders mit Sprache gespielt werden, kann Sprache einfach schöner sein. Und dann ist da noch ein möglicher Grund für bessere Print-Artikel – auch auf Basis eigener Erfahrungen: Das Lektorat wird im Printbereich insgesamt ernster genommen, denn für die meisten gilt nach wie vor: Was gedruckt ist, ist von Dauer. Was Online ist, ist schnelllebiger – und lässt sich außerdem im Nachhinein noch korrigieren. Ob das mit der Dauer und der Schnelllebigkeit ein Irrtum ist, sei an dieser Stelle dahingestellt.

Nicht jammern

Jetzt höre ich mich schon fast an, wie ein kauziger Zeitungsredakteur kurz vor der Rente, doch das ist mitnichten der Fall. Ich schreibe fast ausschließlich für unterschiedliche Online-Medien, ich nutze eine Vielzahl sozialer Medien, ich bin keiner, der neue Medien verflucht – ganz im Gegenteil. Und vielleicht sollte man diese Beobachtung gerade deshalb ernst nehmen. Zum Abschluss: Ganz unabhänging von Argumenten: Es fühlt sich gut an, für guten Journalismus zu bezahlen. Und es tut nicht weh. Out of Order - Kolumne

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