Angst im eigenen Land

Geschrieben am 01. Feb, 2016 von in Information und Kommunikation

Out of Order - KolumneWenn ich morgens das Haus verlasse, ins Büro fahre, arbeite, quatsche, abends noch in der Turmstraße in Moabit Falafel esse oder mich mit Freunden treffe geht’s mir meist ganz gut. Selbst wenn ich nachts nach Hause laufe, fühle mich doch recht sicher – nicht mehr und nicht weniger als noch vor Jahren. Und doch ist da eine unterschwellige Angst hinzugekommen, mal mehr, mal weniger präsent. Erst war da nur eine Sorge, aber mittlerweile packt mich das eiskalte Grauen. Immer dann, wenn ich durch die Kommentarspalte eines Nachrichtenartikels scrolle. Oder wenn ich die Umfragewerte sehe, mit einer AFD bei über zehn Prozent. Dann wird mir schlecht.

Ich habe mich in dieser Kolumne bis jetzt immer relativ schnell zu politischen Themen geäußert, aber die Flüchtlingssituation hat bisher nur in Form von Fragen Erwähnung gefunden. Die meisten der im August 2015 veröffentlichten Fragen sind nach wie vor offen. Ich habe bisher nicht viele Antworten gefunden, dafür ist die Situation aber noch schlimmer geworden.

Die Sache mit der Grenze

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Die Rechte ist in Deutschland wieder stark. Was nicht per sé Angst bereiten würde; doch leider sprechen wir von einer Rechten jenseits verfassungsrechtlicher Grenzen. AFD-Gesicht Frauke Petry hält die Zurückweisung von Flüchtlingen an der Grenze mittels Waffengewalt für legitimiert – steht ja im Gesetz, sagt sie. Gesinnungsgenossin Beatrix von Storch legt noch eins drauf und bezieht ausdrücklich die Kinder und Frauen mit ein. Hier wird von Mitgliedern einer Partei, die gute Chancen auf den Einzug in den Landtag hat, das Schießen auf unbewaffnete Menschen gefordert, die vor Krieg, Tod & Hunger fliehen? Dass solche Dinge ausgesprochen werden, macht Angst. Dass solche Sätze Zuspruch finden, macht es noch schlimmer. Und dann geht es auch nicht mehr darum, wie beide Politiker ja ausdrücklich betonen, dass zunächst mal mehr Polizisten gebraucht würden, damit es dazu gar nicht erst komme. Nein, aus solchen Sätzen sprechen Menschenverachtung und oft auch Rassismus.

Die Sache mit dem Grundgesetz

In Artikel 16a unseres Grundgesetzes heißt es: „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.“ Praktisch heißt das, eine Obergrenze der Flüchtlinge ist nicht möglich. Es braucht die Einzelfallprüfung. Deshalb spricht Angela Merkel nicht von einer Obergrenze, denn für sie kommt eine Veränderung des Grundgesetzes nicht infrage – die AFD hat sie dafür ganz offiziell im Programm. Es ist Zeit, sich einmal daran zu erinnern, wann und unter welchen Umständen das Grundgesetz beschlossen wurde. Das war 1948 in Bonn, nach dem Nationalsozialismus, nach dem Zweiten Weltkrieg. Man hat damals eine der fortschrittlichsten Verfassungen der Welt geboren, mit der Menschenwürde als Grundlage. Und dieses Grundgesetz, das unsere Verfassung darstellt, wurde natürlich unter besonderer Berücksichtigung der Zeit des Nationalsozialismus verfasst. Denn damals haben wir Deutsche nicht nur Millionen von Juden umgebracht, sondern auch dafür gesorgt, dass 60 Millionen Menschen ihre Heimat verließen und geflüchtet sind. Eine Änderung dieses Artikels wäre damit politischer Rückschritt in die Zeit vor dem Nationalsozialismus. Mit der AFD im Gepäck. Das macht mir Angst.

Die Sache mit der Globalisierung

Menschen hierzulande kaufen Handys amerikanischer oder koreanischer oder japanischer Marken, das Kobalt darin wird in von bewaffneten Rebellen kontrollierten Gebieten in Afrika abgebaut. In der Mittagspause essen sie chinesisch, vietnamesisch, koreanisch, spanisch, italienisch, japanisch, oder einfach Döner. Ihre Klamotten werden in Bangladesh von Kindern genäht, die Baumwolle kommt aus Südamerika. Sie fliegen nach Thailand zum Vögeln, nach Las Vegas zum Zocken, nach Afrika für die Safari, nach Istanbul, weil die Stadt so schön ist und die Bazare so belebt. Und nach Mallorca, weil… ja warum eigentlich? Sie leben in einem der reichsten Länder einer globalisierten Welt voller Ungleichheit, bei der sie zu den Profiteuren gehören. Doch sie verschließen ihre Augen vor den Problemen der Welt, verneinen jede Verantwortung für Menschen, die am falschen Ort geboren sind, obwohl sie es selbst nur so gut haben, weil es den Menschen dort so scheiße geht. Die Eltern der Freunde ihrer Kinder kamen als Gastarbeiter aus der Türkei oder aus als Flüchtlinge vom Balkan. Und bisher hat die Flüchtlingskrise weder dafür gesorgt, dass das Weihnachtsgeld weggefallen ist, noch dass jemand weniger Essen auf dem Tisch hat. Aber die Unterkünfte brennen schon – und eine Handgranate wurde bereits eingesetzt. Das macht mir Angst.

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2 Responses to “Angst im eigenen Land”

  1. Volker Dierk

    09. Feb, 2016

    Hallo Herr Bentler,

    vielen Dank für diese Kolumne, welche einem zum Nachdenken anregt. In diesem Schriftstück ist fast umfassend beschrieben, warum ein normal denkender Mitbürger in diesem Land durchgängig mit einem schlechten Gewissen herumlaufen müßte. Es fehlt eigentlich nur noch der Vorwurf der Massentierhaltung, welche durch den übersteigerten Fleischkonsum unserer Gesellschaft begründet ist.
    Ich stelle Ihre Vorwürfe und Dankanstöße überhaupt nicht in Frage. Aber, gibt es für diese ganzen angesprochenen Probleme auch nur einen patentierten Lösungsansatz, welchen wir als Deutschland in der „globalisierten“ Welt alleine durchsetzen könnten? Wir scheitern bei der aktuellen Flüchtlingskrise doch schon innnerhalb der EU.

    Zitat: „Aber die Unterkünfte brennen schon – und eine Handgranate wurde bereits eingesetzt. Das macht mir Angst“
    Ich gebe Ihnen hier umfänglich recht. Brandsätze und Handgranaten werden, in meinen Augen, von Kriminellen geworfen, welche unbedingt ermittelt und entsprechend bestraft werden müssen.
    Ein Angstgefühl beschleicht mich allerdings nicht. Eher Wut und absolutes Unverständnis für solche Taten.
    Auch unsere denkende Elite in diesem Land versucht stets dem Bürger ein Angstgefühl über die anstehenden Veränderungen zu suggerieren. Aussprüche wie: „Deutschland wird sich im Zuge der Flüchtlingswelle verändern“, „die Menschen haben Angst vor Veränderungen“ oder „das ist die Angst vor dem Unbekannten“, schüren nach meiner Meinung nur den Widerstand gegen die derzeitige Asylpolitik.
    Was für Veränderungen sind da eigentlich gemeint? Vor welchem Unbekannten sollte ich Angst haben?
    Niemand hat mir dazu je eine schlüssige Antwort gegeben.

    Ich denke wir haben das Glück der späten Geburt gehabt und durften bisher ohne Krieg und Elend in diesem freien, sozialen und wirtschaftlich starken Land aufwachsen. Gilt es nicht diese Erungenschaften für unsere Nachkommen zu sichern? Auch die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, welches es unbedingt zu verteidigen gilt.
    Natürlich sind Parteien wie die AFD keine Alternative zu unseren angestammten Volksparteien. Wobei auch einige Äußerungen der „Lautsprecher“ aus den Reihen der CSU mehr als nur fragwürdig sind und eher dem rechten Spektrum zuzuordnen sind und nicht einer anerkannten Volkspartei.

    Trotzallem stehe ich auf dem Standpunkt, dass die oben erwähnten Erungenschaften zu verteidigen sind. Auf das Wie kann nur die Politik eine Antwort geben.
    Grenzenlose Liberalität gegen jedem und allem wird allerdings zwangsläufig ins Gegenteil umschlagen.
    Mich hat keiner gefragt ob sich mein Heimatland verändern soll oder nicht. Die These das eine überragende Mehrheit aller Mitbürger in diesem Land das ähnlich sieht, dürfte nicht allzu gewagt sein. Hat aber diese Einstellung etwas mit Angst oder rechtem Gedankengut zu tun?
    Diese nüchterne Erkenntnis ist ein Bekenntnis zu diesem Land mit all seinen Problemen. Global gesehen darf hier sicher von winzigen Problemchen gesprochen werden.

    Die Zivilbevölkerung ist immer und überall der Willkür der Mächtigen ausgeliefert. Im Großen wie im Kleinen. Sind es nicht lokale Machthaber, religiöse Fanatiker oder gestörte Staatsoberhäupter welche ganze Völker unterdrücken, wird zur Not auch ein ganzes Land zu einem Spielball der Machtblöcke dieser Welt (siehe Syrien). Zu Zeiten des Eisernen Vorhanges hieß sowas Stellvertreterkrieg.

    In der Vergangenheit wurden immer wieder Beschlüsse gefasst, auch gegen starken linken Protest, um die Freiheit der Bundesrepublik Deutschland zu garantieren. Genannt sei hier als Beispiel der Nato-Doppelbeschluss.
    Ich erwarte von unseren Politikern innenpolitisch eine klare Kante zur Sicherung unserer eigenen Identität, ohne sich dabei auf hirnlose rechte Parolen zu stützen.
    Außenpolitisch ist die Gemengenlage viel komplizierter. Ein nach Weltmacht strebender Putin, Nordkoreanische Großmannssucht, das aufwärtsstrebende China und wie immer das Pulverfass im Nahen Osten inkl. der Bedrohung durch den I S usw. usw.

    Zumindest die letztgenannte Gruppierung kann nicht durch liebe Worte und ein freundliches Gesicht von einer freien und libaralen Weltanschaung überzeugt werden. Ihre Taten sprechen Bände.
    Wie man sich gegen solche Problematiken in Zukunft aufstellen möchte, bleibt Kolumnist völlig schuldig.
    Die verübten Taten dieser und ähnlicher Gruppen machen mir Angst und das nicht nur unterschwellig…

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  2. Benedikt Bentler

    22. Feb, 2016

    Hallo Herr Dierk,

    vielen Dank für ihren umfangreichen Kommentar. Gern greife ich einige Ihrer Anmerkungen auf.

    „Aber, gibt es für diese ganzen angesprochenen Probleme auch nur einen patentierten Lösungsansatz, welchen wir als Deutschland in der „globalisierten“ Welt alleine durchsetzen könnten? Wir scheitern bei der aktuellen Flüchtlingskrise doch schon innnerhalb der EU.“

    Nein, diesen Lösungsansatz gibt es wahrscheinlich nicht. Und ja Deutschland scheitert bei der Durchsetzung einer Lösung in der EU. Das darf aber keine Rechtfertigung dafür sein, gar nicht erst nach Lösungen zu suchen, europäisch wie inländisch. Man könnte ja auch andersrum fragen: Wie soll sich ein möglicher Vorschlag überhaupt international durchsetzen, wenn er nicht einmal hierzulande erfolgversprechend gelebt wird?
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    „Was für Veränderungen sind da eigentlich gemeint? Vor welchem Unbekannten sollte ich Angst haben?“

    Die Frage stelle ich mir auch. Es geht um Ängste des Kulturverlustes, des Verlusts von Wohlstand – und seit Silvester um die Angst vor mangelnder Sicherheit. Und ganz grundsätzlich gibt es diese Angst vor „Fremden“. Keine dieser Ängste ist wirklich rational, alle lassen sich mit Fakten widerlegen. Und da diese Ängste irrational sind und auf Emotionen beruhen, fällt es der AfD leicht diese zu bedienen/bestätigen, während andere Medien Schwierigkeiten haben mit Fakten dagegen anzukommen.

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    „Trotzallem stehe ich auf dem Standpunkt, dass die oben erwähnten Erungenschaften zu verteidigen sind. Auf das Wie kann nur die Politik eine Antwort geben. Grenzenlose Liberalität gegen jedem und allem wird allerdings zwangsläufig ins Gegenteil umschlagen.
    Mich hat keiner gefragt ob sich mein Heimatland verändern soll oder nicht. Die These das eine überragende Mehrheit aller Mitbürger in diesem Land das ähnlich sieht, dürfte nicht allzu gewagt sein. Hat aber diese Einstellung etwas mit Angst oder rechtem Gedankengut zu tun?
    Diese nüchterne Erkenntnis ist ein Bekenntnis zu diesem Land mit all seinen Problemen.“

    Diese Errungenschaften sind zu verteidigen, die Frage ist aber: Wer greift diese denn überhaupt an? Als Exportland beruht unser Wohlstand auch auf grenzenloser Liberalität, die wiederum zu Ausbeutung führt, und einer der Gründe der Flüchtlingskrise ist. Wer also sagt, er will diese Errungenschaften auf nationaler Ebene verteidigen, aber nicht daran interessiert ist, die Situation global zu verbessern, misst mit zweierlei Maß und stellt das Wohl von Deutschen über das der Menschen im Rest der Welt. Und das ist durchaus rechts

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    „Sind es nicht lokale Machthaber, religiöse Fanatiker oder gestörte Staatsoberhäupter welche ganze Völker unterdrücken, wird zur Not auch ein ganzes Land zu einem Spielball der Machtblöcke dieser Welt (siehe Syrien).“

    Die Ursprünge des derzeitigen Syrien-Konfliktes lassen sich tatsächlich ziemlich eindeutig ausmachen. Um das an dieser Stelle nicht ein zu großes Fass aufzumachen sei gesagt: Der Irak-Krieg ist zentraler Auslöser gewesen: IS-Anfrüher trafen sich im US-Militärgefängnis Camp Bucca, die von den USA installierte demokratische Regierung benachteiligte Sunniten, was den Zulauf zum IS förderte.
    Quellen:
    http://www.theguardian.com/world/2014/dec/11/-sp-isis-the-inside-story
    http://www.spiegel.de/politik/ausland/is-islamischer-staat-anfuehrer-kennen-sich-aus-us-gefaengnis-a-1000908.html

    Die lokalen Machthaber, religiöse Fanatiker und gestörte Staatsoberhäuper sind komischerweise immer erst dann ein Problem, wenn man mit Ihnen keine Geschäfte mehr machen kann oder sie den „Machtblöcken“ (sic!) dieser Welt zuwiderhandeln, siehe Gaddafi, siehe Saddam Hussein, siehe Osama bin Laden. Siehe Saudi Arabien.

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    „Wie man sich gegen solche Problematiken in Zukunft aufstellen möchte, bleibt Kolumnist völlig schuldig.“

    Korrekt. Ich habe kein Patentrezept. Das hält mich aber nicht davon ab, Schlechtes anzukreiden, Dinge infrage zu stellen und jegliche Art von Rechtsradikalismus als inhuman abuzulehnen.

    Viele Grüße
    Benedikt

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